Geschichte

Gründung und Pionierphase 1982 - 1987

Das Bildungswerk ist als Bildungswerk für Demokratie und Umweltschutz e.V. am 26.8. und 9.12.1982 gegründet worden. Die Eintragung als Verein erfolgte am 3.2.1983. Die Gründer*innen waren ca. 40 Mitarbeiter*innen der politischen Bildung, die aus politischen Gründen aus anderen Einrichtungen entlassen oder ausgegrenzt wurden. Gründe der Ausgrenzung waren vor allem die Beteiligung am Aufbau der Alternativen Liste und die Teilnahme an politischen Aktionen, insbesondere an Aktionen der Friedensbewegung, die sich damals gegen die Nachrüstung organisierte.

Das Bildungswerk wollte ein Forum für Auseinandersetzungen des linken alternativen und ökologischen Spektrums sein und alternative Bildungsarbeit entwickeln. Die Themen der Initiativenbewegungen sollten in der Bildungsarbeit authentisch präsentiert werden. Die Bildungsarbeit war eng vernetzt mit den "sozialen Bewegungen" (Ökologie-Frauen-Friedens- und Dritte Welt-Initiativen). Die Referent*innen der Seminare waren häufig Vertreter*innen der Initiativen.

Unter den Seminarthemen waren zu finden: Trainings zur gewaltfreien Aktion, Themen zu Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, der Frauenbewegung und zur Kritik der Wachstumsideologie. Das Bildungswerk wurde verstanden als "Dienstleistungsstelle und Forum der sozialen Bewegungen". Dieses Verständnis war auch und gerade von der dem Bildungswerk nahestehenden Partei - der Alternativen Liste - vertreten worden.

Das Bildungswerk war zu dieser Zeit von der nahestehenden Partei selbst als möglichst parteifern definiert. Die Bildungsarbeit parteinaher Stiftungen stand damals unter starker öffentlicher Kritik v.a. durch die Grünen, die eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen die Instrumentalisierung der parteinahen Stiftungen durch die Parteien einreichte. Die Stiftungen der "Altparteien" wurden als etablierte oder "Altstiftungen" bezeichnet.

Das Bildungswerk war die erste parteinahe Landesstiftung der Grünen, geboren aus einer Ambivalenz von Kritik an den Altstiftungen und dem Anspruch, eine andere, nicht parteidominierte alternative Stiftungsarbeit zu entwickeln. Nach zweijähriger Abwehr wurde das Bildungswerk schließlich 1984 in den Kreis der privilegierten Mittelempfänger*innen als parteinahe Stiftung der Grünen bzw. der Alternativen Liste aufgenommen. Bis dahin gab es nur Mittel für Einzelprojekte von einzelnen Ministerien bzw. der Bundes- und Landeszentrale für politische Bildung.

Die Landeszentrale für politische Bildung erkannte das Bildungswerk 1984 als Einrichtung an, die in den Genuß institutioneller Förderung kommen sollte.

Expansion und Strukturkrisen 1987 - 1992

Im Jahr 1987 bewilligte auch die Deutsche Stiftung Klassenlotterie (DKLB) die Anträge des Bildungswerkes und förderte die Bildungsarbeit entsprechend mit 735 000 DM Projektmitteln. Diesen jährlichen Förderbetrag durch die DKLB erhält das Bildungswerk bis heute. Die Expansion des Haushaltes führte zwangsläufig zur Forderung nach neuen Strukturen: die Geschäftsstelle und der Verein standen immer mehr unter Ansprüchen wie Professionalisierung und Profilbildung. Die das Bildungswerk tragenden Initiativen verloren an politischem Einfluß, und Strukturdiskussionen gehörten zum Alltag der Arbeit der Vereinsgremien.

Das Selbstverständnis des Bildungswerkes änderte sich. Das Bildungswerk sollte nicht im bisherigen Ausmaß auf "die sozialen Bewegungen" bezogen sein, zumal viele Initiativen und Projekte der sozialen Bewegungen in (Überlebens) Krisen waren. Das Bildungswerk wollte mehr Eigenprofil aus sich selbst entwickeln. In der Struktur des Bildungswerkes spiegeln sich diese Prozesse in der Einrichtung eines Beirates Bildung. In diesem waren zu 2/3 Vertreter*innen von Initiativen und Projekten und 1/3 Unabhängige vertreten. Der Beirat Bildung vergab ca. 50% der Projektmittel des Bildungswerkes auf Antrag. Er war strukturell zur Anlaufstelle für Projektideen der Initiativen geworden.

In der Geschäftsstelle - die noch eingebunden war in Kollektiv- und Selbstverwaltungsansprüche - wurden starke Umstrukturierungen erkennbar: es wurden Referate zu Schwerpunktbereichen eingerichtet. 1988 bestanden die Referate Internationale Politik, Frauenbildung, Ökologie, Arbeit und Soziales, Jugendbildung und Stadtentwicklung. Den Referaten waren jeweils Stellen - ABM oder Festangestellte - zugeordnet.

1990 wurde ein zusätzliches Büro in Ostberlin eröffnet, um die Bildungsarbeit auch dort zu verankern. Drei zusätzliche Mitarbeiter*innen wurden für diese Aufgabe eingestellt. Das Büro in Ostberlin wurde 1993 aus finanziellen Gründen wieder aufgelöst. Die Verankerung der Bildungsarbeit in Ostberlin war zudem nur teilweise gelungen. Die Angestellten der Geschäftstelle koordinierten in diesen Jahren bis zu 500 Projekte politischer Bildungsarbeit pro Jahr, ein Umfang, der zwar nach vereinsinterner Kritik als beachtlich anerkannt wurde, aber - so wurde angemahnt - auch zu Lasten von Intensität und Qualität der Bildungsarbeit gehen könnte.

Die Auseinandersetzungen um das stärkere Eigenprofil des Bildungswerkes wurden 1992 mit einer grundlegenden Strukturreform beendet. Wesentliche Veränderungen waren: Die Bildungsarbeit wurde mehr von professionellen Erwachsenenbildner*innen durchgeführt. Die Referate wurden reduziert und an feste Stellen angebunden. Folgende Referate bestanden ab 1993: Internationale Politik, Jugendbildung, Ökologie und Fortbildung. Bildungsurlaubsseminare v.a. mit Jugendlichen wurden als zentraler Schwerpunkt verankert.

Die Geschäftsstelle wurde umstrukturiert. Es wurden zwei Geschäftsführer*innen, zuständig für pädagogisch-politische und für betriebswirtschaftlich-verwaltungsbezogene Leitung, eingestellt. Die Mittel des Beirates wurden von 50% auf 33% der Gesamtprojektmittel gekürzt.

Stiftungsreform 1995 - 1998

Die Reform der grünnahen Stiftungen, die im Stiftungsverband Regenbogen zusammengeschlossen waren, wurde 1994 wesentlich vom Bundesvorstand B 90/Grüne angestoßen. Die seit langem schwelende Kritik an den grünnahen Stiftungen, an Ineffizienz, Parallelstrukturen und "zelebrierter" Parteiferne, die es auch innerhalb der Stiftungen gab, erhielt mit dieser Unterstützung entscheidenden Auftrieb. Im Stiftungsverband Regenbogen waren die Frauenanstiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung (alt) und die Landesstiftungen (Buntstift) als autonome Gliederungen verbunden. Es gab im Grunde nicht eine Bundesstiftung, sondern drei, die sich die Fördermittel teilten, ansonsten aber über geringe Vernetzungen und kaum über gemeinsame Arbeitsstrukturen verfügten.

Die Reform dieser Strukturen fand in Form einer Verschmelzung statt und hat zur neuen Heinrich-Böll-Stiftung (HBS) geführt. Die Aufgaben der Frauenanstiftung sollen durch ein "Feministisches Institut" in der HBS übernommen werden. Die alte HBS stellte ihren Namen zur Verfügung, ihre Aufgaben sollen in einer Abteilung Leben und Werk Heinrich Bölls und durch den Bereich Kunst und Kultur in der neuen HBS aufgenommen werden.

Die Landesstiftungen, die im Buntstift organisiert waren, bleiben auch in der neuen HBS erhalten, sie wurden integraler Bestandteil der neuen Stiftungsstruktur. Für das Bildungswerk Berlin hat sich durch die Reform eine besondere Situation ergeben: die Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung hat seit 1997 ihren Sitz auch in Berlin. Durch diesen "Standortvorteil" ergeben sich besondere Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen der HBS.

Die Stiftungsreform hat das Verhältnis zu B 90/Die Grünen verändert: aus einem eher distanzierenden Stil sind Kooperation und kritische Auseinandersetzung gewachsen. Die Unabhängigkeit des Bildungswerkes ist durch die Reform in Berlin nicht beeinträchtigt worden.

Das Ergebnis dieses Reformprozesses ist formal erkennbar in einer neuen Satzung des Bildungswerkes und einem neuen Namen, der auch den Namen der Bundesstiftung beinhaltet.

Politisch erkennbar ist die Reform in der Konstituierung eines zentralen Steuerungsgremiums (Bildungswerkrat) wie in der Entscheidung für einen neuen zusätzlichen jährlich wechselnden Schwerpunktbereich (1999 Stadtpolitik, 2000 Osteuropa-Wende wohin, 2001 Rechtsextremismus).

Die Vernetzung des Bildungswerkes mit Initiativen und NGO's in Berlin und die Offenheit gegenüber Projektideen sind zwar auch im reformierten Bildungswerk wesentliche Grundlage in der Arbeit und den Strukturen geblieben. Neben dem Umfeld der Bündnisgrünen sind Projekte und Initiativen der Ökologie-, Frauen-, Menschenrechts- und Dritte Welt-Bewegung in Berlin die wichtigsten Kooperationspartner*innen und Zielgruppen der Bildungsarbeit des Bildungswerkes. Die Reformprozesse im Bildungswerk führen aber auch zu einer neuen Qualität der Vernetzung mit diesen Initiativen.

Das Bildungswerk kann nicht mehr vorwiegend definiert werden als Forum der Themen der sozialen Bewegungen. Themen sozialer Bewegungen können wesentlicher Bezugspunkt der Bildungsarbeit sein. Die sozialen Bewegungen, die auch das Bildungswerk historisch kreiert haben, sind aber keine wesentlichen gesellschaftlichen Kräfte mehr. Teilweise haben sie sich aufgelöst, teilweise haben sie sich institutionalisiert. Die Grünen (West), die auch historisch aus diesen Bewegungen gewachsen sind und Teile der Bürgerrechtsbewegung Ost als Bündnis 90 integriert haben, definieren sich zudem nicht mehr als Antipartei oder prinzipielle Opposition, sondern immer mehr als eine bürgerrechtlich-ökologische Partei, welche die Gestaltung von Politik durch Übernahme von Regierungsbeteiligungen anstrebt. Nicht Opposition und Basisarbeit, sondern Gestaltung von Reformpolitik durch Regierungsbeteiligungen sind und werden immer deutlicher identitätsstiftende Momente bei B90/Grüne. Die Bedingungen der Bildungsarbeit des Bildungswerkes haben sich gerade auch auf diesem Hintergrund einschneidend verändert; Aufgabe des Bildungswerkes ist es in nächster Zeit, die dadurch entstandenen Spannungen und Fragen in einem Neudefinitionsprozess zu klären.

Es gilt, die zu lange gepflegten Annahmen über politische Grundfragen zu überdenken. Diese Grundsatzfragen bewegen sich von "Was ist heute noch links ?" bis zur Frage der Einschätzung und Prognose der gesellschaftlichen Entwicklung sowie der Rolle der Grünen. Aus einem solchen Diskurs werden sich neue Definitionen der Bildungsarbeit und der Strukturen des Bildungswerkes ergeben.

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