Auf dem Weg zu einem afghanischen Frühling? Basisaktivismus in Afghanistan

Während wir dabei sind, die vorliegende Broschüre fertig zu stellen, forciert die Bundesregierung ihre ersten Massenabschiebungen nach Afghanistan. Die Situation im Land wird offiziell als „sicher genug“ deklariert. Zumindest manche städtischen Regionen könnten als sicher bezeichnet werden, lautet die Rechtfertigung. Welche genau, bleibt zweifelhaft. In diesen Zeiten ist eine breite Solidarisierung mit Geflüchteten aus Afghanistan gefragt, wie sie sich in Ansätzen bereits formiert. Neben einer allgemeinen Forderung nach Bleiberecht ist hierbei der menschenverachtende Zynismus zu skandalisieren, der hinter der politischen Erklärung steckt, die Lage in Afghanistan sei „sicher“.

In diesem Kontext lassen sich die folgendenTexte als Zeugnis der katastrophalen Zustände in Afghanistan lesen. Politisch gehen die vorliegenden Analysen jedoch noch einen Schritt weiter und vermitteln eine Perspektive, die unserer Auffassung nach eine weitere Ebene der Solidarisierung fordert: Hier berichten Aktivist*innen, die sich vor Ort in Afghanistan basispolitisch organisieren und für radikale, freiheitliche Veränderungen der bestehenden Verhältnisse kämpfen. Sie betonen, dass die derzeitige desolate Lage im Land nicht trotz, sondern vor allem auch aufgrund der internationalen zivil-militärischen Intervention in Afghanistan besteht: Erklärte Frauenfeinde, Fundamentalisten, Kriegsverbrecher und Warlords wurden zur politischen und wirtschaftlichen Elite aufgebaut, die nun maßlose Korruption betreibt und sich in einem System der Straflosigkeit einrichtet.

Diese Aktivist*innen möchten nicht nur, dass die Welt von den desaströsen Verhältnissen im Land erfährt, sondern auch von ihren basispolitischen Kämpfen. Um ihre Arbeit in Deutschland bekannter zu machen, haben wir im Winter 2015/16 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Politische Basisbewegungen in Afghanistan im Jahr nach dem offiziellen Abzug des internationalen Militärs“ Vertreter*innen von vier verschiedenen basispolitischen Organisationen aus Afghanistan nach Berlin eingeladen. In der Konzeption und Planung dieser Veranstaltungsreihe haben wir uns bewusst gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit positioniert, die auf Demokratisierung als extern unterstützten bzw. gesteuerten Staatsaufbau fixiert ist. Stattdessen geht es uns um eine Perspektive, welche die eurozentrische Kolonialität der Denkweisen überwindet, die bislang das Wissens über Weltpolitik und Konflikte dominieren. Statt neoliberale, zivil-militärische Aufbaukonzepte zu reproduzieren wollten wir einen Fokus auf Alternativen und Auswege setzen, die sich aus Selbstorganisierungsprozessen und sozialen Bewegungen entwickeln und sich als feministisch, progressiv, anti-kolonial, antiislamistisch und internationalistisch verstehen.

Darum ist das Herzstück dieser Broschüre die (Selbst-)Vorstellung der vier basispolitischen Organisationen und deren politischer Arbeit: die Selbstorganisierung der Angehörigen der Opfer von Kriegsverbrechen, die gegen das Amnestiegesetz und für eine Vergangenheitsaufarbeitung streiten; künstlerische Aktivitäten, die das Tabu der öffentlichen (Kriegs-)Erinnerung überwinden; verdeckte und offene Frauenorganisierung mit revolutionären Veränderungszielen; politische Bildungsarbeit und die Herausgabe feministischer und linker Zeitungen; Solidaritätsaktionen mit Freiheitsbewegungen im Iran, in Kurdistan und weltweit; Demonstrationen gegen Femizid, gegen Besatzung, gegen islamistischen Terror und gegen die Kriegverbrecher in der Regierung.

Mit wenigen Ausnahmen basieren die Texte in dieser Broschüre auf Tonmitschnitten, die während der Veranstaltungsreihe angefertigt wurden. Die Vorträge von Weeda Ahmad und Hafiz Rasikh wurden synchron von Dari ins Deutsche bzw. Englische und Deutsche übersetzt und in ihrer übersetzten Form transkribiert. Mariam Rawi, Hadi Marifat und Hjalmar Joffre-Eichhorn präsentierten auf Englisch, ihre Beiträge wurden erst für diese Veröffentlichung ins Deutsche übersetzt. Um aus den verschiedenen Veranstaltungsmitschnitten eine kohärente Dokumentation zu erstellen, wurden alle Vorträge redaktionell bearbeitet. Wir haben dabei versucht, die sprachlich-inhaltlichen Charakteristika der Vorträge beizubehalten, soweit dies aufgrund der mehrfachen Übersetzungsebenen möglich war. Um Wiederholungen innerhalb der Broschüre zu reduzieren, haben wir die Vorträge zum Teil gekürzt. An anderer Stelle wurden Kontextinformationen ergänzt, die uns für das Leseverständnis wichtig erschienen. Englische Versionen aller redigierten Texte wurden an die jeweiligen Autor*innen bzw. deren Organisationen geschickt. Jedoch ist es uns aufgrund von zeitlichen, logistischen und sprachlichen Komplikationen leider nicht gelungen, von allen Beteiligten vor Redaktionsschluss eine Rückmeldung zu erhalten. Für alle eventuellen Fehler, die trotz sorgsamer Überarbeitungen weiterhin in der Broschüre enthalten sein mögen, übernehmen wir die Verantwortung.

Die ergänzenden Texte von Network Afghanistan beruhen auf Vortragsmanuskripten von Mechthild Exo. Mit ihrer inhaltlichen Expertise zum Thema und ihren langjährigen Kontakten zu den eingeladenen Organisationen kam ihr eine besondere Rolle in der Organisation der Veranstaltungsreihe ebenso wie bei der inhaltlichen Redaktion dieser Broschüre zu. Weder die Veranstaltungsreihe noch diese Broschüre wären ohne vielfältige Formen der Unterstützung und Kooperation möglich gewesen. Wir bedanken uns bei allen, die mit ihrem Einsatz das Zustandekommen unterstützt haben. Unser Dank gilt auch all jenen, die zugehört, gefragt, hinterfragt und mitdiskutiert haben. Statt fertiger Antworten und Problemlösungsangebote aus Europa braucht es unsere Fähigkeit zum bescheidenen Zuhören, zum gegenseitigen Austausch und zur Unterstützung. In diesem Sinne wünschen wir viel Inspiration und Nachdenklichkeit bei der Lektüre.



November 2016,

Mechthild Exo & Mechthild von Vacano

Die Broschüre kann in der Geschäftsstelle abgeholt oder bestellt werden. Kontakt: info@bildungswerk-boell.de

 

Produktdetails
Veröffentlichungsdatum
2016
Herausgegeben von
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Seitenzahl
39
Lizenz
All rights reserved
Sprache der Publikation
deutsch / englisch / italienisch